Tuesday, 12 December 2017

12. Dezember: Letztendlich sind wir dem Universum egal

von David Levithal Fischer Verlag, 9,99 €


A hat keine Freunde, keine Familie, kein Zuhause – und keinen eigenen Körper. Er ist nie länger als einen Tag dieselbe Person. Er wacht jedes mal in einem anderen Körper auf und muss sich mit ihm vertraut machen. Mal männlich, mal weiblich taucht er in die unterschiedlichsten Leben ein.

Das ist sein Alltag, etwas anderes kennt er nicht. Doch dann lernt er ein Mädchen kennen, in das er sich unsterblich verliebt. Auf einmal wünscht er sich mehr Kontinuität, als das Universum ihm zugesteht. Und es beginnt eine ungewöhnliche, phantastische, besondere Liebe. 

Ein Jugendroman mit der Frische und Zartheit der ersten großen Liebe, mit der Sehnsucht nach Identität und Zweisamkeit - und mit ein bisschen Magie...

Ein phantastischer Roman und doch auch ein bisschen Realität.

Der Roman ist zu vielen Jugend-Literaturpreise nominiert worden und hat auch einige gewonnen. Und das besondere daran ist, dass er auch als Jugendbuch für Erwachsene lesenswert ist.  

Monday, 11 December 2017

11. Dezember: Raumpatrouille, Geschichten.

von Matthias Brandt, Kiepenheuer&Witsch, 18 Euro


Die Geschichten in Matthias Brandts erstem Buch sind literarische Reisen in einen Kosmos, den jeder kennt, der aber hier mit einem ganz besonderen Blick untersucht wird: der Kosmos der eigenen Kindheit.

In diesem Fall einer Kindheit in einer kleinen Stadt am Rhein, die damals die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland war. Und die Geschichte eines Kindes dessen Vater damals der Bundeskanzler war.

Ein Kindheit, die bevölkert ist von einem manchmal bissigen Hund namens Gabor, von einem Hausmeister und sogar einen Chauffeur. Von Herrn Vianden, dem mysteriösen Postboten, von verschreckten Nonnen, kriegsbeschädigten Religionslehrern. Und von einem netten Herrn Lübke von nebenan, bei dem es Kakao gibt und dem langsam die Worte ausgehen.

Mathias Brandts schreibt nette kleine Geschichten, die einen interessanten Einblick geben in sein Leben als Sohnes vom damaligen Bundeskanzler Willi Brandt. Und schöne und lustige Erinnerungen an die Zeit der siebziger Jahre. 

Klein aber fein! Nur 176 Seiten. Ganz besonders lesenswert für Leser, deren Kindheit in den späten sechziger und siebziger Jahren stattfand.

Sunday, 10 December 2017

10. Dezember: Die Geschichte der Bienen

von Maya Lunde, btb Verlag, 20 €


England, 1852: Der Biologe und Samenhändler sieht sich als Forscher gescheitert, sein Mentor hat sich abgewendet, und das Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte – die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock.

USA, 2007: Der Imker arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn eines Tages übernehmen. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden.

China, 2098: Die Arbeiterin Tao bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn. Als der jedoch einen mysteriösen Unfall hat, steht plötzlich alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.

Mitreißend erzählt Maja Lunde in drei Handlungssträngen von Verlust und Hoffnung, von Familie und den Generationen, und dem unsichtbaren Band zwischen der Geschichte der Menschen und der Geschichte der Bienen. Ein Mischmasch aus historischer Roman, Science Fiction und kritischer Gegenwartsliteratur.

Nach dem Buch macht man sich nicht nur Gedanken über die Zukunft der eigenen Kinder, sondern auch über Umwelt, Klima und Natur. Denn davon sind wir Menschen abhängig. Und auch von den Bienen!

"Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch 4 Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr." (Albert Einstein) Das war mir bisher nicht so bewusst!

Das Buch ist schon lange auf der Spiegel-Bestsellerliste. Zu recht.

Saturday, 9 December 2017

9. Dezember: Sungs Laden

von Karin Kalisa, Droemer Verlag, 9,99 €


Am Anfang ist es nur eine vietnamesische Holzpuppe, die in der Aula einer Grundschule Kinder und Lehrer bezaubert. Noch ahnt keiner, dass binnen eines Jahres der Prenzlauer Berg auf den Kopf gestellt werden wird.

Das Szene-Viertel entdeckt seinen asiatischen Anteil und belebt seine kreative Seele. Brücken aus Bambus spannen sich zwischen den Häusern, Parkraumwächter tragen Kegelhüte, es grünt exotisches Gemüse, ein Zahnarzt macht Sonntagsdienst für Patienten aus Fernost.

Nachdem auf dem Dach des Bezirksamts kurzzeitig auch noch die Ho-Chi-Minh-Flagge wehte, münden die Aktionen in ein Fest, wie der Kiez noch keines erlebt hat: großes vietnamesisches Wassermarionettentheater in einem Ententeich!

Vom Gemischtwarenladen des studierten Archäologen Sung nimmt all dies seinen Ausgang. Hier treffen vietnamesische Vertragsarbeiter und ehemalige DDR-Bürger zusammen, von hier aus wird der Kiez nicht nur mit Obst und Gemüse, sondern auch mit dem guten Geist der Improvisation versorgt.

Eine Utopie, natürlich. Aber eine hochgradig ansteckende! Sehr schön zu lesen, träumen, genießen...

Friday, 8 December 2017

8. Dezember: Eine Nacht, Markowitz

von Ayelet Gundar-Goshen, Kein & Aber Verlag, 12,90 €


Palästina, kurz vor der Gründung des heutigen Staates Israel. Hier lebt der unscheinbare Bauer Jakob Markowitz. Sein bester Freund Seev Feinberg ist anders als er, laut und polternd und mit einen unbändigen Appetit auf Frauen. 

Durch seine Weibergeschichten kommt Seev einmal richtig in Bedrängnis und so landen die beiden Freunde auf einem Schiff nach Europa. 20 Männer, die sich dort mit 20 Frauen vermählen sollen. Reine Scheinehen, durch die die Frauen aus Europa fliehen können.

Ausgerechnet der unscheinbare Jakob heiratet die wunderschöne Bella, die von einem neuen freien Leben in Israel träumt. Doch Jakob verliebt sich in sie und verweigert ihr die Scheidung.

Interessanter Einblick auf einen historischen Abschnitt Israels nach dem 2. Weltkrieg: die Jahre rund um die Staatsgründung 1948 Israels.

Noch während in Europa die Schoa mit ihren Millionen Morden stattfindet, rüsten die bereits in Palästina ansässigen Juden ebenso wie die Araber unter den misstrauischen Augen der englischen Besatzung heimlich auf.

Als die Vereinten Nationen in ihrer berühmten Abstimmung den Juden einen eigenen Staat gewähren, eröffnen die übervorteilten Araber den Kampf, verlieren, versuchen es wieder. Der Rest ist bekannt, die Region ist bis heute ein Pulverfass.

Die Geschichte ist eigenwillig, vollgepackt mit Sinnlichkeit, mit Humor, mit Spannung. Manchmal richtig überraschend, ein bisschen wie ein modernes Märchen. 

Bei dem Buch habe ich gemerkt, dass Israel doch eine andere Kultur ist, eine andere Lebensweise hat.

Manchmal habe ich mich abends manchmal richtig gefreut, dass ich endlich wieder lesen kann. Toll!

Thursday, 7 December 2017

7. Dezember: Vom Ende der Einsamkeit

von Benedikt Wells, Diogenes Verlag, 22,00 Eur


Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ein Schicksalsschlag alles verändert. Ihre Eltern kommen bei einem Autounfall ums Leben und die Kinder werden zu Waisen. 


Im Internat beginnen sich ihre Wege zu trennen und ihre Charaktere zu verändern und stärken. Jules, früher ein kleiner Draufgänger wird ein grübelnder, verträumter Junge. Seine Rettung in der wachsenden Einsamkeit ist Alva, seine Klassenkameradin, mit der er sich langsam anfreundet. Noch weiß Jules nicht, wie sehr Alva sein Leben prägend wird und welche Rolle auch seine Geschwister später spielen werden...

Denn als Erwachsene glaubt er, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt die Vergangenheit ihn wieder ein...

Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist.

Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.

Wednesday, 6 December 2017

6. Dezember: Blasmusikpop...

...oder wie die Wissenschaft in die Berge kam. von Vea Kaiser, KiWi Verlag, 9,99 €


Ein 14,8 Meter langer Fischbandwurm, eine Seifenkiste mit Kurs auf den Mond, ein ungeahnt attraktiver Mönch im Jaguar, ein fallender Engel, eine schwangere Dorfprinzessin, eine altphilologische Geheimgesellschaft, eine nordic-walkende Mütterrunde, ein Jungfußballer mit dem Herz am rechten Fleck, eine Verschwörung der Dorfältesten sowie jede Menge poppige Blasmusik gehören zum unvergesslichen Mikrokosmos dieses Romans. 

Vea Kaiser entfaltet mit viel Lebendigkeit, Eigenwillen und Witz die große Geschichte eines kleinen, abgelegenen Alpenbergdorfs und erzählt von einer Familie, die über drei Generationen hinweg auf kuriose Weise der Wissenschaft verfallen ist.

Ein erstaunlich wagemutiger erster Roman der österreichischen Autorin, der
 in Österreich gleich auf Platz eins der ORF-Bestsellerliste sprang und als bester deutscher Debütroman gekürt wurde.

Das Buch erschien zwar schon 2012, ist aber auch heute noch sehr lesenswert. Und wenn man selbst in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, umso mehr!

Tuesday, 5 December 2017

5. Dezember: Der Geruch des Paradieses

von Elif Shafak, Kein&Aber Verlag, 16 €


An Peri zerrten schon immer gegensätzliche Kräfte: Ihre Mutter ist strenggläubig, ihr Vater ein trotziger Pragmatiker, und auch als Studentin in Oxford freundet sie sich sowohl mit der weltoffenen Shirin als auch mit der Kopftuch tragenden Mona an.

Als sie sich jedoch während ihres Studiums in das umstrittene Seminar des charismatischen Professors Azur einschreiben, wird ihr Schicksal auf dramatische Weise zusammengeschweißt - und auseinander gerissen.

Doch das ist nur ein Teil des Buches, ein Rückblick an die Zeit in Oxfort. An die ungewöhnliche Freundschaft zwischen drei sehr unterschiedlichen Frauen mit muslimischem Hintergrund.

Die Gegenwart spielt im Jahr 2016 in Istanbul. Auf dem Weg zu einer Dinnerparty wird Peri überfallen und aus ihrer Handtasche rutscht plötzlich ein altes Foto, das schmerzhafte Erinnerungen weckt.

Die Handlung switched zwischen der Zeit in Oxfort: Fragen nach Gott und Glaube, nach Freundschaft und Liebe, und der Realität in Istanbul: Diskussionen über die politische Richtung der Gegenwart, Gespräche zwischen Männern und Frauen.

Das Buch liefert einen interessanten Einblick in die Problematik muslimischer Frauen, die sich hin und her gerissen fühlen zwischen Orient und Okzident, zwischen Glaube und Emanzipation.

Anspruchsvoll, aber leicht zu lesen und sehr spannend. Nicht nur für Frauen!

Monday, 4 December 2017

4. Dezember: Die hellen Tage

von Zsuzsa Bank, Fischer Verlag, 11,00 €


In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt.

Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch.

Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wiedergekommen ist.

Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sein eigenes Leben zu ergründen und genießen.


Eine wunderbare Geschichte, ein sehr schöner, leichter Schreibstil, voller Poesie und Romantik und trotzdem nicht kitschig.

Sunday, 3 December 2017

3.Dezember: Dann schlaf auch du

von Leila Slimani, Luchterhand Verlag, 20 €


Wie gut kann man einen fremden Menschen kennen? Und wie sehr kann man ihm vertrauen?

Myriam und Paul wollen das perfekte Paar sein, Kinder und Beruf unter einen Hut bringen, alles irgendwie richtig machen. Und sie finden die perfekte "Nounou" (frz. Kinderfrau), die ihnen das alles erst möglich macht. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden...

Sie ahnen nichts von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen.

Das Buch beginnt bereits mit dem schrecklichen Ende: Myriam kommt heim und findet ihre Kinder schwer verletzt vor. Keines ihrer Kinder wird überleben. Und schon auf den ersten Blick ist klar: Louise, ihre perfekte Nounou, ist die Täterin. Doch wie konnte es dazu kommen? Das rollt das Buch nach und nach auf... So unaufhaltsam wie schrecklich wie es ist.

Spannend geschrieben, beklemmend und unfassbar - und trotzdem nachvollziehbar wie es dazu kommen konnte.

Das Buch ist letztes Jahr mit dem höchsten französischen Literaturpreis , dem "Prix Goncourt", ausgezeichnet worden. 


Zu recht, finde ich!